Du kannst es dir ja leisten ...

 

Es war, als hätte mir meine Freundin einen Kübel Eiswasser über den Kopf geschüttet. Dabei hatte sie nur einen Satz gesagt: „Du kannst es dir ja leisten ...“ Sie sprach über mein Leben, meinen Alltag.

 

 

Mein Alltag?  Vor Jahren schon hatte ich mich entschieden, selbstständig zu arbeiten. Warum? Ich wollte eine neue Erfahrung, mehr Raum, mehr Freiheit, so einfach war das. Mein Leben hat sich dadurch neu gestaltet. Da sind keine Termine mehr, die mir andere vorschreiben, nur noch die, die ich mir für meine Seminare, Coachings und Meetings selber verordne. Da gibt es keine Arbeitskollegen, die mir den Tag vermiesen können, nur noch mich, die ich mir keine miese Laune gestatte. Da gibt es nichts Nervenaufreibendes zu tun, außer dem, was ich an Arbeit selbst meinen Nerven zumute. Schließlich bin ich ja selbstständig, schließlich – so die Wahrnehmung meiner Freundin – kann ich es mir leisten ...

 

Ich bin mir meine eigene Chefin ..

 

In gewisser Weise hat sie recht. Beruf und Berufung sind bei mir eins geworden. Damit weiß ich mich glücklich zu schätzen. Ich bin meine eigene Chefin und ich kann mir meine Tage gestalten, einteilen – gerade so, wie ich Lust habe. Das war auch das Argument der Freundin, bevor sie mir den Satz „Du kannst es dir ja leisten“ auf den Tisch knallte.

 

Zuvor hatte mir meine Freundin ihr Leid geklagt. Der Job, die Arbeitszeiten, die Kollegen, Überlastung und Eintönigkeit, fehlende Freizeit und zu wenig Lohn. Als Freundin zerreißt es mir fast das Herz, sie so in ihrer

Opferrolle leiden zu sehen. Als Coach könnte ich sie an die Hand nehmen und mit ihr Schritt für Schritt den Weg der Veränderung gehen. Achtsam formuliert reiche ich ihr in wenigen Sätzen ein paar Bilder und Ideen in ihr

Leben hinein.

 

Den Weg der Veränderung gehen. Dazu muss man sich seiner eigenen Werte und auch seines Selbstwerts bewusst sein. Dazu muss man für diese Werte entschlossen einstehen. Dazu braucht es den Mut, unsichere und gegebenenfalls auch sehr unbequeme Räume zu betreten.

 

Denn neue Wege zu gehen heißt immer auch: bereit und offen sein für Herausforderung und Risiko.

Den Mut haben, auf vertraute Bequemlichkeiten zu verzichten.

 

Ich versuche, meiner Freundin all das behutsam zu vermitteln. Und ich spüre, wie daraus in ihrem Kopf Bilder entstehen, die sie faszinieren und doch irgendwie abschrecken. Sie würde mir ja gerne glauben, aber ...

 

Um die Anspannung zu lösen erzähle ich ihr mehr von mir und dem, was mir wichtig ist in meinem Leben. Vor allem aber auch: Wie gerne ich dieses Leben jetzt lebe. Und dann der Satz: „Du kannst es dir ja leisten“. Er trifft mich mit voller Wucht. Er klingt vorwurfsvoll, anklagend, auch ein bisschen neidisch. Irgendwie kratzen wir die Kurve, wechseln ein paar Floskeln und das Gespräch klingt aus. Doch es lässt mich nicht los, es begleitet mich in den nächsten Stunden und Tagen in meinem Leben.

 

Mit jedem Atemzug verpflichte ich mich

ein Leben im Einklang mit meiner Seele zu führen

 

„Ich kann es mir leisten“ – Ja, aber nur, weil ich dafür etwas tue, weil ich mich mit jedem Atemzug verpflichte, ein Leben im Einklang mit meiner Seele zu führen.

 

Klingt einfach, ist es aber nicht.

 

Meine Seele wählt sich keinen gemütlichen Spaziergang durch all die Jahre. Ich erlebe dieselben Wechselbäder wie meine Freundin auch. Da ist Angst, wenn ich spüre, dass ich krank werden könnte – und es mir eben nicht leisten kann, mir eine Woche Auszeit zu nehmen. Meine Arbeit bleibt liegen, weil es keine Kollegin gibt, die für mich einspringt.

 

Und nach jeder Auszeit gibt es einen enormen Stau an To-do’s und so mancher Arbeitstag wird zu einem Tag&Nacht-Arbeitstag. Ich kenne auch die Unsicherheit und den beklemmenden Blick auf meine Zahlungsverpflichtungen. Am Ende des Monat gibt es kein regelmäßiges Geld, das mir überwiesen wird, es liegt an mir, im Vertrauen und der Zuversicht zu bleiben. Und davon braucht es ganz viel.

 

Gewissheit gibt es in meinem Leben keine. Stattdessen ganz viele Faktoren, die ich nicht beeinflussen kann, von denen meine Existenz aber mitbestimmt wird. Was, wenn der Mainstream die Themen ablöst, die mir so sehr am Herzen liegen? Was, wenn die EU noch mehr Auflagen diktiert? Alles Dinge, denen man als Kleinunternehmerin fast ohnmächtig ausgeliefert ist. Nein, an Ängsten besteht kein Mangel.

Manchmal sitze ich sogar an meinem Schreibtisch, lass den Blick aus dem Fenster schweifen und frage mich:

„Kann ich es mir leisten?“

 

Die Antwort ist dann sehr klar: „Ja. Ich kann, weil ich es will. Ich will es mir leisten.“ Zum einen ist es die beste Lebensschule für meine Seele. Es gibt keinen Stillstand für Entwicklung, Schattenseiten zeigen sich unaufgefordert und ich kann gar nicht anders als mich den Herausforderungen zu stellen.

 

Und zum anderen: Es ist der Freigeist in mir, der die Freiheit wählt.

Und Freiheit hat keinen Preis – sie ist unbezahlbar.

 

Aber man kann sie sich leisten. Wenn man nur will.


 Der Artikel erschien zunächst als Artikel im Engelmagazin.

 (c) copyright, auch auszugsweise ausschließlich unter der vorgegebenen vollständigen Quellenangabe 

Fotocredit: steffi fischer photography

 


Daniela Hutter

schreibt, bloggt und hält Seminare zum Thema bewusste Lebensführung. Es ist ihre Passion, alte Tradition mit zeitgemässer Spiritualität zu verbinden. Mit Menschen zu sein bereitet ihr Freude und deshalb bietet sie auch persönliche Coachings an.

 

Als Autorin schreibt Daniela Hutter für verschiedene Zeitschriften. Aktuell arbeitet sie an ihrem nächsten Buch. Bereits erschienen sind die Bücher „Lass deine Träume wahr werden“ (2013) und „Den Tag mit Engeln beginnen“ (2008), „Mach dein Leben hell“ (2015), "Das Yin-Prinzip" (August 2016) sowie das Kartenset „Energien der neuen Zeit“ (2013) und "Karten der Weiblichkeit" (2017).

 

» Mehr Info zu Daniela Hutters Büchern 

 

Impulsgeberin für moderne Frauen

Daniela Hutter weiß was Frauen beschäftigt und kennt die zahlreichen Herausforderungen und Hürden, die das Leben lehrt und der Alltag bietet. Fernab von Dogmen und klassischem Feminismus ermutigt sie in ihrer Arbeit vor allem Frauen in Kontakt mit ihrem wahren FrauSein zu kommen und mutig den eigenen Weg zu gehen. Sie weist den Weg in das Innere und erinnert zugleich daran, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen.


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Kommentare: 8
  • #1

    Regina (Montag, 29 April 2019 07:08)

    liebe Daniela,
    ich stimme dir zu 100% �zu, bin seit 31 Jahren selbständig. Mein Leben wird auch hier von meinen Terminen bestimmt, da auch ich ende Monat meine Rechnungen bezahlen darf.
    es geht auf und ab und die Ängste die du beschreibst kenne ich, es ist manchmal anstrengend, doch sobald ich ins Vertrauen gehe, kommt alles gut �
    ich bin der Meinung das es Menschen gibt die gerne so Selbständig arbeiten und es gibt Menschen die brauchen einen Chef, der ihnen Vorgaben macht und sie führt. Doch auch als Angestellte kommt es auf deine Einstellung an auch hier kannst du den Weg eigenverantwortlich gehen und dein Leben leben.Mein Mann ist ein Angestellter im öffentlichen Bereich und auch da ist es nicht immer leicht und doch kannst du auch da zufrieden und glücklich werden.
    liebe Grüsse Regina

  • #2

    Barbara (Montag, 29 April 2019 08:58)

    Oh, Daniela, wie du mir aus dem Herzen sprichst. Ich kann Satz für Satz deine Worte bestätigen. Es ist nun mein 30stes Jahr in Selbständigkeit, und ich möchte keinen einzigen Moment der Freiheit und Selbstbestimmung missen. Auch nicht die Ängste, Unsicherheiten, die Zeiten der notwendigen Anpassungen. All die Aufs und Abs sind es, die mich letztendlich in das Heute und das Sein geführt haben. Und das kann und will ich mir leisten. Vertrau' weiter in dich, liebe Daniela. Grüsse, Barbara

  • #3

    Susanne (Dienstag, 30 April 2019 12:58)

    Liebe Daniela,
    Diese Worte hätten auch von mir kommen können.
    Gerade vor ein paar Wochen hat meine "Beste Freundin" das gleiche zu mir gesagt.
    Schade, aber nicht zu ändern!
    Liebe Grüße und vielen dank für deine Arbeit, Susanne

  • #4

    Cécile (Mittwoch, 01 Mai 2019 20:42)

    Liebe Daniela
    als selbstständige Therapeutin darf ich auch alles selber machen. Werbung, arbeit, Finanzen. und ja, es ist wunderbar, denn seit ich selbstständig bin, bin ich gesund geworden. es ist meine Passion und ich werde mich dafür nicht mehr entschuldigen und klein machen lassen, denn es braucht mut und Leidenschaft, und Zeit.
    Jammern ist so einfach. ich habe es auch gemacht, doch es ist nicht befriedigend und es ändert sich dadurch nichts. die eigene Lebensaufgabe kennenlernen und nach ihr leben, das ist es, was ich mir hier gönne und gestatte. ich sein, in meiner kraft sein, in meiner Leidenschaft
    herzlich cecile

  • #5

    Brigitte (Donnerstag, 02 Mai 2019 11:09)

    ganz genau identisch. Bin jetzt seit 7 Jahren im eigenen Geschäft, davor selbstständig im Auftrag für Firmen tätig, dann wieder als Angestellte. Möchte meine Selbstständigkeit nicht missen, auch wenn es nicht immer einfach ist, mit allen Hochs und Tiefs. Mein Werdegang hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin und es geht mir gut dabei (geistig wie körperlich und emotional), auch wenn man mal abgeschafft ist. Am stressigsten und nervenaufreibendsten fand ich die Chefs und Kollegen.
    Das Leben ist schön! - Von Einfach war keine Rede!
    In diesem Sinne weiter voran
    herzliche Grüße Brigitte

  • #6

    Marion (Donnerstag, 02 Mai 2019 13:26)

    Liebe Daniela, liebe Gleichgesinnte,
    ich kann Eure Situationen und Gefühle gut nachvollziehen, muss ich mir doch Ähnliches anhören, wenn auch meine Ausgangssituation eine Andere ist. Meine chronische, unheilbare Erkrankung zwang mich in die vorzeitige Rente. Meine über 80jährige Mutter musste in ein Altenheim ziehen, da ich nicht in der Lage bin mich um sie zu kümmern. Mein Elternhaus musste ich verkaufen, sonst wäre das Altenheim nicht zu bezahlen. Als Alles überstanden und geregelt war, bekam ich auch noch einen Schlaganfall. In dieser schweren Zeit sagte Niemand zu mir: "Du kannst es Dir doch leisten". Nun ist Routine eingekehrt Dank langer Jahre Berufstätigkeit als Angestellte ist meine Rente gut, privat habe ich damals zusätzlich vorgesorgt. Das Elternhaus konnte ich gut verkaufen. Dadurch ist es mir möglich, behindertengerechte Umbauten im eigenen Haus zu finanzieren. Mein Umfeld bemerkt, wie sorgenfrei ich lebe. Und jetzt kommt´s, das "Du hast es doch!"
    Meine Bemerkung "Ich tausche gerne mit Dir, wenn Du meine Krankheit auch nimmst" verhallt zunächst. Dann kommt aber auch oft ein "Nein, danke".
    Ich lasse mir aber NIX vermiesen. Jede/r hat was geleistet, damit wir uns das leisten können.
    Daher - genießen wir, was wir uns leisten können.
    Genussvolle Zeiten
    Marion

  • #7

    Andrea (Samstag, 04 Mai 2019 08:33)

    Liebe Daniela,
    Ja das kannte ich auch, ich habe das auch schon so oft erlebt. Spiegelprinzip. Das wichtigste ist, immer bei sich zu bleiben. Außerdem hat jede Seele ein anderes Päckchen, oder einen anderen Rucksack in dieses Leben mitgebracht. Da ich Menschen nicht als Menschen sehe, sondern als Lichtwesen, bekommt man zu solchen Dingen eine andere Sichtweise.
    Liebe Grüße, von Seele zu Seele.

  • #8

    Sabine (Samstag, 04 Mai 2019 15:35)

    Liebe Daniels finde deine Art zu schreiben einfach toll