Vielleicht kennst du diesen Moment. Jemand bittet dich um einen Gefallen und noch bevor du richtig nachdenken kannst, hörst du dich sagen: „Ja, ich mache das.“ Dabei weißt du genau, dass dein Kalender längst voll ist. Oder du sitzt mit Freunden zusammen, alle überlegen, wohin der Abend führen soll, und obwohl du eine klare Idee hast, sagst du: „Mir ist alles recht.“
Es sind diese kleinen Situationen, die unscheinbar wirken und sich doch zu einem Muster verbinden. Ein Muster, das heute häufig als People Pleasing bezeichnet wird. Ich spreche lieber vom braven Mädchen, weil dieser Begriff etwas Wesentliches
sichtbar macht: Dieses Verhalten gehört nicht zu unserem Wesen. Es ist etwas, das wir gelernt haben.
Und: eine "Frau in ihrer Kraft" kann nicht zugleich ein kleines, braves Mädchen sein.
(vgl. "Das Yin-Prinzip, Archetypen und Zyklen)
Was ist People Pleasing?
People Pleasing bedeutet, die Bedürfnisse anderer immer wieder über die eigenen zu stellen. Es bedeutet, Konflikte vermeiden zu wollen, niemanden enttäuschen zu möchten und den Wunsch nach Harmonie höher zu bewerten als die eigene Wahrheit. Im Yin-Prinzip formuliere ich an dieser Stelle "Selbstaufgabe" (= geswitchte Hingabe, als Schattenaspekt) oder "Harmoniesucht".
Dabei geht es nicht um Freundlichkeit oder Hilfsbereitschaft. Beides sind wertvolle menschliche Qualitäten. Problematisch wird es dort, wo Anpassung zum Automatismus wird. Wo wir nicht mehr innehalten und uns fragen: Was möchte ich eigentlich? Sondern sofort überlegen: Was erwarten die anderen von mir?
Viele Frauen erleben genau das. Nach außen wirken sie zuverlässig, freundlich und belastbar. Innerlich wächst jedoch das Gefühl, nur noch zu funktionieren.
Das brave Mädchen wird nicht geboren – es entsteht
Niemand kommt als "braves Mädchen" zur Welt.
Wir lernen schon früh, wie wir sein sollen. Viele Frauen erinnern sich an Sätze wie:
- „Sei nicht so laut.“,
- „Stell dich nicht so an.“ oder
- „Mach keinen Stress.“
Jeder einzelne Satz scheint harmlos. Doch über Jahre entsteht daraus eine innere Überzeugung:
- Wenn ich mich anpasse, gehöre ich dazu.
- Wenn ich mich zurücknehme, bin ich liebenswert.
Kinder brauchen Zugehörigkeit. Deshalb entscheiden sie sich unbewusst für jene Strategien, die Nähe und Sicherheit, Anerkennung und Liebe versprechen. Das brave Mädchen ist deshalb keine
Schwäche, sondern zunächst eine kluge Überlebensstrategie.
Als Erwachsene tragen viele Frauen dieses Muster jedoch weiter, obwohl sich ihr Leben längst verändert hat. Sie übernehmen Verantwortung, kümmern sich um andere und verlieren dabei zunehmend den Kontakt zu sich selbst.
Wenn die eigene Stimme verstummt
Die Entwicklungspsychologin Carol Gilligan beschrieb bereits in den 1980er-Jahren, dass viele Mädchen während der Pubertät beginnen, ihre eigene Stimme zurückzunehmen, um Beziehungen nicht zu gefährden.
Später prägte die Psychologin Dana Jack dafür den Begriff "Silencing the Self" – das Verstummen des eigenen Selbst. Gemeint ist die Gewohnheit, Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse zurückzuhalten, weil der Wunsch nach Harmonie größer geworden ist als die Verbindung zur eigenen Wahrheit.
Hinzu kommt das, was Dana Jack als "Over-Eye" beschreibt, dies als eine innere Instanz, die ständig darüber wacht, ob wir den Erwartungen einer „guten Frau“ entsprechen. Diese Stimme klingt nicht fremd. Sie klingt wie unsere eigene Vernunft:
- „Sei nicht schwierig.“
- „Übertreib jetzt nicht.“
- „Andere schaffen das doch auch.“
So entsteht ein Leben, das sich immer mehr und immer stärker am Blick der anderen orientiert.
Die Frage lautet nicht mehr: Was will ich?
Sondern: Was wird von mir erwartet?
Warum People Pleasing Frauen erschöpft
Viele Frauen glauben, ihre Müdigkeit komme von zu viel Arbeit. Doch häufig liegt die eigentliche Ursache tiefer.
People Pleasing bedeutet, die eigenen Impulse immer wieder zu unterdrücken. Immer wieder prüft das Nervensystem, wie andere reagieren könnten.
- Darf ich Nein sagen?
- Bin ich zu anstrengend?
- Enttäusche ich jemanden?
Diese ständige Wachsamkeit kostet Energie.
Deshalb fühlen sich viele Frauen erschöpft, obwohl sie ausreichend schlafen. Sie erledigen ihre Aufgaben, kümmern sich um Familie, Beruf und Freundschaften und spüren dennoch eine innere Leere. Nicht weil sie zu wenig leisten, sondern weil sie sich selbst immer wieder verlassen.
Das eigentliche Problem ist also nicht das viele Tun, vielmehr ist es das dauernde Leben gegen die eigene innere Wahrheit.
Das Yin-Prinzip: Wenn Anpassung Lebenskraft kostet
Hier ergänzt das Yin-Prinzip die psychologische Sichtweise um eine weitere Dimension.
Im Yin verstehen wir Lebenskraft nicht nur als körperliche Energie. Lebenskraft entsteht dort, wo wir mit uns selbst verbunden sind. Wo wir unsere Bedürfnisse wahrnehmen, unseren Empfindungen vertrauen und unserem inneren Erleben Raum geben.
Wer jedoch ständig den Blick nach außen richtet, lebt überwiegend im Yang-Modus. Er organisiert, funktioniert, übernimmt Verantwortung und sorgt für andere. All das ist wichtig. Doch ohne den ausgleichenden Yin-Anteil verliert der Mensch seine Fähigkeit zur Regeneration.
Deshalb sage ich oft: Nicht das viele Arbeiten erschöpft Frauen am meisten. Es ist das ständige Verlassen der eigenen Wahrheit.
Mit jedem Mal, in dem wir unser Nein verschlucken, obwohl wir es deutlich spüren, fließt ein wenig Lebenskraft nach außen. Mit jedem Mal, in dem wir uns kleiner machen, als wir sind, entfernen wir uns ein Stück weiter von uns selbst.
Yin bedeutet deshalb nicht Passivität. Yin bedeutet, immer wieder bei sich selbst anzukommen. Es bedeutet u.a., sich zu fragen:
- Was brauche ich?
- Was fühlt sich für mich stimmig an?
Erst aus dieser Verbindung entsteht echte Regeneration.
Der Weg zurück beginnt mit einer ehrlichen Frage
Das brave Mädchen verschwindet nicht über Nacht. Es hat uns viele Jahre begleitet und wollte uns schützen. Deshalb braucht es keinen Kampf gegen dieses Muster, sondern Bewusstheit.
Vielleicht beginnt Veränderung mit einer einzigen Frage:
Was würde ich entscheiden, wenn ich keine Angst hätte, jemanden zu enttäuschen?
Mit jeder ehrlichen Antwort wächst die Verbindung zur eigenen inneren Stimme. Wir lernen, Grenzen zu setzen, ohne unser Mitgefühl zu verlieren. Wir dürfen fürsorglich bleiben, ohne uns selbst aufzugeben.
Das ist für mich gelebte Weiblichkeit. Nicht Anpassung und auch nicht Härte. Sondern die Fähigkeit, sich selbst denselben Wert zu geben wie den Menschen, für die wir täglich da sind.
Fazit: Nervensystem regulieren heißt, dem Leben anders zu begegnen
People Pleasing ist weit mehr als die Angewohnheit, es allen recht machen zu wollen. Dahinter verbirgt sich häufig das brave Mädchen, als eine früh erlernte Strategie, die Sicherheit schaffen sollte und später zur Quelle von Erschöpfung werden kann.
Je früher wir erkennen, dass Anpassung kein Wesenszug, sondern ein Muster ist, desto eher können wir den Weg zurück zu unserer eigenen Stimme finden. Genau dort beginnt nicht nur mehr Selbstbestimmung, sondern auch jene Lebenskraft, nach der sich so viele Frauen sehnen.
Häufige Fragen
Was ist People Pleasing?
People Pleasing beschreibt die Gewohnheit, die Bedürfnisse anderer regelmäßig über die eigenen zu stellen, um Konflikte oder Ablehnung zu vermeiden.
Warum betrifft People Pleasing besonders viele Frauen?
Viele Frauen lernen bereits in ihrer Kindheit, dass Anpassung, Harmonie und Fürsorge Anerkennung bringen. Diese Prägungen wirken oft bis ins Erwachsenenalter.
Was bedeutet Silencing the Self?
Silencing the Self ist ein psychologisches Modell von Dana Jack. Es beschreibt das Zurückhalten der eigenen Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse, um Beziehungen nicht zu gefährden.
Welche Rolle spielt das Yin-Prinzip?
Das Yin-Prinzip macht deutlich, dass echte Lebenskraft dort entsteht, wo wir wieder in Verbindung mit uns selbst kommen. Dauerhafte Anpassung schwächt diese Verbindung und erschwert Regeneration.
Wie kann ich People Pleasing überwinden?
Der erste Schritt besteht darin, die eigenen Muster wahrzunehmen. Mit jeder Entscheidung, die der eigenen Wahrheit entspricht, wächst das Vertrauen in die eigene innere Stimme.
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Daniela Hutter
schreibt, bloggt und hält Seminare zum Thema bewusste Lebensführung. Es ist ihre Passion, alte Tradition mit zeitgemässer Spiritualität zu verbinden. Mit Menschen zu sein bereitet ihr Freude und deshalb bietet sie auch persönliche Coachings an.
Als Autorin schreibt Daniela Hutter für verschiedene Zeitschriften. Aktuell arbeitet sie an ihrem nächsten Buch. Bereits erschienen sind die Bücher „Lass deine Träume wahr werden“ (2013) und „Den Tag mit Engeln beginnen“ (2008), „Mach dein Leben hell“ (2015), "Das Yin-Prinzip" (August 2016) sowie das Kartenset „Energien der neuen Zeit“ (2013) und "Karten der Weiblichkeit" (2017).
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Daniela Hutter weiß was Frauen beschäftigt und kennt die zahlreichen Herausforderungen und Hürden, die das Leben lehrt und der Alltag bietet. Fernab von Dogmen und klassischem Feminismus ermutigt sie in ihrer Arbeit vor allem Frauen in Kontakt mit ihrem wahren FrauSein zu kommen und mutig den eigenen Weg zu gehen. Sie weist den Weg in das Innere und erinnert zugleich daran, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen.



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