Wenn im deutschsprachigen Raum von weiblichen Vorbildern die Rede ist, geht es fast immer um dieselben Frauen: die Vorständin, die Physikerin, die Gründerin, die Politikerin. Vorbilder sind die Sichtbaren, die Erfolgreichen, die Bewunderten. Und sie sind immer die anderen.
Ich möchte diese Perspektive umdrehen. Denn weibliche Vorbilder gibt es nicht nur auf Bühnen und in Führungsetagen. Es gibt sie an Küchentischen, in Freundinnenkreisen, in Nachbarschaften, in Familien. Du bist eines davon. Ob du willst oder nicht.
Was ein weibliches Vorbild wirklich ist
Ein Vorbild ist wörtlich genommen ein Bild, das vor jemandem steht. Etwas, woran sich ein anderer Mensch orientiert. Menschen orientieren sich immer an anderen Menschen, und Entwicklung passiert
entlang dieser Orientierung.
Bei Kindern ist das offensichtlich. Sie schauen auf die Erwachsenen in ihrer unmittelbaren Umgebung, nehmen deren Bilder auf und richten ihre eigene Entwicklung daran aus. Was wir dabei leicht
übersehen: Bei Erwachsenen funktioniert es genauso. Wir übernehmen Haltungen von anderen. Wir übernehmen Arten der Kommunikation, Arten des Umgangs mit Konflikten, Vorstellungen davon, wie viel
Selbstfürsorge legitim ist und wo eine Grenze gezogen werden darf.
Die Psychologie nennt das soziale Lerntheorie. Menschen lernen durch Beobachtung. Und zwar nicht in erster Linie dadurch, dass wir etwas darüber lesen oder dass jemand es uns erklärt oder dass
wir ein Reel auf Instagram sehen. Innerlich zustimmen können wir vielem. Verinnerlicht wird aber erst das, was wir andere leben sehen.
Damit ist die Frage, ob du ein Vorbild sein möchtest, eigentlich hinfällig. Du bist längst eines. Die einzige offene Frage lautet: wofür.
Wo entsteht ein neues Rollenbild der Frau?
Ich höre den Satz oft. In Coachings, in Interviews, in gesellschaftlichen Debatten, in privaten Gesprächen: Es braucht ein neues Rollenbild der Frau. Ich stimme dem Satz zu, ohne zu zögern.
Aber selten fragen wir weiter.
Wo genau entsteht dieses Rollenbild eigentlich?
Ich mag dieses Wort, eigentlich, weil das Eigene darin steckt.
- Entsteht ein neues Rollenbild in den Büchern, die wir lesen?
- In politischen Debatten?
- Auf Social Media?
- Oder entsteht es dort, wo wir Frauen beginnen, anders zu leben?
Ich glaube an das Letztere. Denn ein Rollenbild ist eben ein Bild, und Bilder entstehen nicht durch Argumente. Sie entstehen durch Anschauung. Wenn wir erleben, dass jemand einen neuen Weg geht, glaubwürdig und authentisch, dann erweitert das unser eigenes Bild davon, was möglich ist. Deshalb wirkt alles, was gelebt in diese Welt kommt, nachhaltiger als der nächste Podcast, das nächste Buch, das nächste Seminar.
Warum der Blick nach außen eine Projektion ist
Wenn wir uns Veränderung wünschen, richtet sich der Blick fast automatisch nach außen. Auf die Gesellschaft, auf die Politik, auf die Arbeitgeber, auf die Konzepte. Wir alle sind ausgesprochen gut darin zu erklären, was sich endlich ändern müsste und was die anderen endlich verstehen sollten.
Das ist Projektion, und Projektion ist eine Bewegung des Yang. Sie zeigt nach draußen, sie fordert, sie erklärt.
Das Yin-Prinzip sagt etwas anderes: Es beginnt bei mir. Nicht aus Bescheidenheit und nicht, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse keine Rolle spielten, sondern weil das die einzige Stelle ist, an der ich tatsächlich etwas bewegen kann. Ich muss nicht die Welt verändern. Aber ich kann den Teil der Welt verändern, den ich berühre. Mit meinem Dasein, mit meiner Präsenz, mit meinen Begegnungen.
Vorbild sein heißt nicht, perfekt zu sein
Hier liegt das größte Missverständnis, und es hält viele Frauen davon ab, sich überhaupt als Vorbild zu denken. Wer Vorbild hört, denkt an Makellosigkeit. An eine Frau, die alles im Griff hat und deshalb zeigen darf, wie es geht.
Das Gegenteil stimmt. Ein Vorbild wird erst dann glaubwürdig, wenn sichtbar wird, wie ein Mensch mit sogenannten Fehlern umgeht. Wie jemand durch eine Krise geht. Wie jemand reagiert, wenn etwas ins Leben stolpert, das nicht berechenbar war.
Ich erlebe das in meinen Seminaren immer wieder: Die größte Berührtheit entsteht nicht dort, wo ich etwas besonders Kluges sage. Sie entsteht dort, wo ich mich als Daniela verletzlich zeige. Wo sichtbar wird, dass Frauen füreinander da sein können und eine Frau dadurch besser durch ihre eigene Krise kommt. Genau in diesem Moment sind wir ein gutes Vorbild.
Ein Vorbild braucht Echtheit. Die Echtheit mit der Emotion, die Echtheit mit der Überforderung, die Echtheit mit der ganz persönlichen Wahrheit. Was wir stattdessen gelernt haben, ist Perfektionismus, und im Beruf nennen wir ihn Professionalität und drücken damit das Innere weg.
Warum "Ich bin halt, wie ich bin" nicht reicht
Damit ist allerdings nicht gemeint, dass wir uns gemütlich einrichten dürfen. Ich bin so, wie ich bin, mit all meinen Fehlern, und das Leben wird schon passen: Das ist Komfortzone in einer freundlichen Formulierung.
Im Wort neues Rollenbild steckt das Neue. Solange wir uns selbst im Alten bewegen, uns mit dem Alten zufriedengeben, uns etwas schönreden oder Ausflüchte suchen, stärken wir kein neues Bild. Ein Empowerment für andere Frauen entsteht nicht aus Ausreden, sondern aus einem Commitment.
Und das verlangt Ehrlichkeit mit sich selbst.
- Wo bewege ich mich in alten Konzepten und alten Erwartungen?
- Wo funktioniere ich aus Gewohnheit und Routine im Hamsterrad des Lebens?
- Wo stelle ich meine eigene Wahrheit hinten an, meine eigenen Bedürfnisse sowieso?
Das hat nichts mit Selbstoptimierung zu tun. Es geht nicht darum, besser zu werden. Es geht darum zu schauen, was dem eigenen Wachstum entgegensteht. Und alte Muster sind auch keine Defizite. Gut möglich, dass ein Muster zu einem bestimmten Zeitpunkt deines Lebens eine kluge Lösung war, entstanden durch Familie, durch Erziehung, durch Gesellschaft.
Irgendwann aber dürfen wir prüfen, ob es heute noch gerechtfertigt ist, dass dieses Muster Einfluss auf unser Leben hat. Oder ob wir damit genau das verhindern, wonach wir uns sehnen.
Was wir den Generationen vor uns verdanken
In einem Coaching hat mir eine Frau kürzlich gesagt, die Nächsten sollten für sich selber sorgen und ihren eigenen Weg finden, sie möge nicht mehr kämpfen. Ich habe ihre Müdigkeit gut verstehen können. Sie ging sehr angestrengt an ihre Veränderungsprozesse heran, mit einer Haltung von "da muss ich noch durch".
Über das Wort kämpfen ließe sich lange diskutieren, denn Veränderung muss nicht im Kampf geschehen. Wenn wir von neuem Bewusstsein sprechen, dann geht es um die Bewusstheit der freien Wahl und um Leichtigkeit, nicht um Schmerz, Schwere und Notwendigkeit.
Rückzug kann trotzdem keine Antwort sein. Denn jede Generation baut auf dem auf, was die vorherige erreicht hat. Bildung, berufliche Möglichkeiten, Wahlrecht, Eigenständigkeit, Mitspracherecht, neue Lebensentwürfe: All das verdanken wir Frauen, die vor uns da waren. Man muss sich nur Werbung aus den fünfziger und sechziger Jahren ansehen, um zu erkennen, wie viel sich bewegt hat. Diese Entwicklung gäbe es nicht, wenn jede Generation gesagt hätte, die Nächsten sollen das selber lösen.
Ich nenne uns deshalb Ahninnen der Zukunft.
- Worauf sollen jene, die nach uns kommen, später zurückschauen?
- Welches Bild sollen sie von uns gesehen haben?
Besonders für Frauen, die mit Frauen arbeiten
Ein Gedanke gilt allen, die Frauen begleiten, einerlei ob als Coach, Therapeutin, Pädagogin, Mentorin oder Beraterin. Es geht nicht um unsere Methoden. Es geht um unsere Haltung. Menschen spüren, ob wir das, worüber wir sprechen, auch leben.
Und selbst wenn du beruflich nichts mit Frauen zu tun hast: Da ist immer jemand. Kolleginnen, Kinder, Nichten, Nachbarskinder, Freundinnen. Immer gibt es Menschen, die mit dir in Berührung kommen und ein Bild von dir mitnehmen.
Drei Fragen zur Reflexion
Wenn dich dieses Thema berührt, dann nimm dir Zeit für diese drei Fragen. Nicht als Übung zum Abhaken, sondern als etwas, das eine Weile in dir arbeiten darf.
- Wofür bin ich eigentlich Vorbild? Was vermittle ich allein dadurch, wie ich mein Leben führe?
- Welche Haltung lernen Menschen durch mich kennen? Was sehen andere, wenn sie mich erleben?
- Welche Muster gebe ich weiter, bewusst oder unbewusst? Das Unbewusste ist der schwierige Teil, denn dort wissen wir es ja gerade nicht. Wer genauer hinschaut, erkennt trotzdem manches.
Häufige Fragen zu weiblichen Vorbildern
Was macht ein weibliches Vorbild aus?
Nicht Erfolg, Bekanntheit oder eine sichtbare Position, sondern eine gelebte Haltung. Ein weibliches Vorbild wirkt dadurch, dass andere Frauen erleben, wie sie lebt, wie sie mit Krisen umgeht und wofür sie mit ihrem Leben einsteht.
Muss ich perfekt sein, um ein Vorbild zu sein?
Nein. Perfektion macht ein Vorbild sogar unglaubwürdig. Erst dort, wo Fehler, Verletzlichkeit und der Umgang damit sichtbar werden, entsteht Echtheit, und nur Echtheit wirkt.
Wo entsteht ein neues Rollenbild der Frau?
Nicht in Büchern, Debatten oder auf Social Media, sondern dort, wo einzelne Frauen beginnen, anders zu leben. Ein Bild entsteht durch Anschauung, nicht durch Argumente.
Was hat das Yin-Prinzip damit zu tun?
Der Blick nach außen auf Politik und Gesellschaft ist eine Projektion und damit eine Bewegung des Yang. Das Yin-Prinzip kehrt die Richtung um: Jede nachhaltige Veränderung im Außen beginnt mit einer inneren Bewegung und mündet in Verkörperung.
Am Ende bleibt das Wie
Menschen erinnern sich selten an das Kluge, das wir gesagt haben. Sie erinnern sich daran, wie wir gelebt haben und wie sie sich in unserer Gegenwart gefühlt haben.
Deshalb entsteht das neue Rollenbild genau dort, wo wir Frauen beginnen, die eigenen Muster liebevoll zu erkennen, ehrlich mit uns zu sein, uns nichts mehr schönzureden und Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Und schlussendlich das vorzuleben, was wir uns für die kommenden Generationen wünschen.
Wir sind immer weibliches Vorbild, ob wir wollen oder nicht.
Das wichtigste auf einen Blick:
- Weibliche Vorbilder sind nicht nur die Sichtbaren. Der Begriff wird meist auf Führungsfrauen, Politikerinnen und Pionierinnen bezogen. Tatsächlich ist jede Frau ein Vorbild für die Menschen in ihrem Umfeld.
- Menschen lernen durch Beobachtung, nicht durch Erklärung. Die soziale Lerntheorie zeigt: Verinnerlicht wird das, was wir andere leben sehen, bei Kindern wie bei Erwachsenen.
- Ein neues Rollenbild der Frau entsteht nicht in Debatten. Es entsteht dort, wo einzelne Frauen beginnen, anders zu leben, denn ein Bild entsteht durch Anschauung.
- Der Blick nach außen ist Projektion und damit Yang. Das Yin-Prinzip kehrt die Richtung um: Veränderung beginnt bei mir und mündet in Verkörperung.
- Vorbild sein hat nichts mit Perfektion zu tun. Glaubwürdig wird ein Vorbild erst dort, wo sichtbar wird, wie eine Frau mit Fehlern, Krisen und Verletzlichkeit umgeht.
- "Ich bin halt, wie ich bin" reicht trotzdem nicht. Im neuen Rollenbild steckt das Neue, und das verlangt einen ehrlichen Blick auf die eigenen alten Muster.
-
Jede Generation baut auf der vorherigen auf. Bildung, Wahlrecht und Eigenständigkeit verdanken wir Frauen vor uns.
- Wir sind Ahninnen der Zukunft.
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Daniela Hutter
schreibt, bloggt und hält Seminare zum Thema bewusste Lebensführung. Es ist ihre Passion, alte Tradition mit zeitgemässer Spiritualität zu verbinden. Mit Menschen zu sein bereitet ihr Freude und deshalb bietet sie auch persönliche Coachings an.
Als Autorin schreibt Daniela Hutter für verschiedene Zeitschriften. Aktuell arbeitet sie an ihrem nächsten Buch. Bereits erschienen sind die Bücher „Lass deine Träume wahr werden“ (2013) und „Den Tag mit Engeln beginnen“ (2008), „Mach dein Leben hell“ (2015), "Das Yin-Prinzip" (August 2016) sowie das Kartenset „Energien der neuen Zeit“ (2013) und "Karten der Weiblichkeit" (2017).
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Daniela Hutter weiß was Frauen beschäftigt und kennt die zahlreichen Herausforderungen und Hürden, die das Leben lehrt und der Alltag bietet. Fernab von Dogmen und klassischem Feminismus ermutigt sie in ihrer Arbeit vor allem Frauen in Kontakt mit ihrem wahren FrauSein zu kommen und mutig den eigenen Weg zu gehen. Sie weist den Weg in das Innere und erinnert zugleich daran, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen.



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