Warum tu' ich mir das überhaupt an?

Das Frau-Sein anzunehmen ist eine heilige Reise zum Kern unserer Seele. Die weibliche Kraft ist Ausdruck des lebensbringenden Prinzips.

„Warum tu‘ ich mir das überhaupt an?“, diesen Gedanken habe ich heute während der Wanderung auf den Berg schon zigmal gedacht. Es ist anstrengend und meine Kondition war schon mal besser. Mein Mann geht voraus. Er ist sehr sportlich und das ganze Jahr sehr diszipliniert – er tut etwas für sich. Ich bin da eher lässiger. Nun büße ich scheinbar dafür. „Warum tu‘ ich mir das überhaupt an?“, schon wieder.

 

Meine Gedanken scheinen sich in eine Endlosschlaufe des Jammerns verselbstständigt zu haben. Je öfter ich sie denke, umso weniger Lust habe ich auf den Berg und das Gehen an sich. Das Paradoxe an der Situation ist, ich habe die Wanderung und das Ziel selber vorgeschlagen, mit Vorfreude auf den Gipfel. Man muss nämlich wissen, ich liebe Berggipfel.

 

Von dort oben in die Weite zu sehen, das schenkt mir inneren Frieden. „Warum tu‘ ich mir das überhaupt an, ich weiß doch, wie es dort oben aussieht – schon oft habe ich den Blick in die Weite schweifen lassen und ich kann ihn mir doch eigentlich auch aus der Erinnerung heraus vorstellen.“ Dieser Gedanke lässt mich innehalten. Die Verlockung zu streiken ist nah und die Worte formulieren sich schon in mir, noch unausgesprochen. Mein Mann bleibt stehen, wartet bis ich aufgeschlossen habe, um dann schon wieder weiter zu gehen. 

„Ich mag nicht mehr, es ist mir zu weit, zu anstrengend und überhaupt nimmst du gar keine Rücksicht auf mich und meine nicht vorhandene Kondition“. Mein inneres Opfer hat das Wort ergriffen, der Tonfall ist gereizt und schuldzuweisend. Mit großen Augen sieht mich mein Liebster an: „Dann machen wir eben eine Pause“, meint er liebevoll, sieht sich um – findet einen schönen Platz mit Aussicht und Sonne und lässt sich nieder. Ich setze mich daneben und er legt den Arm um mich. Ich spüre seine Liebe und sein Mich-Wahrnehmen in meiner Erschöpfung. Wir sind schon viele Jahre gemeinsam unterwegs. Wir kennen einander. So sitzen wir still nebeneinander und genießen den Moment. 

 

Allmählich kommt mein Atem zur Ruhe und mit ihr tut sich ein innerer, größerer Raum in mir auf. Gedanken umarmen meine Innenwelt, innere Zwiesprache beginnt. „Es geht gar nicht um die Wanderung und die Anstrengung“. Aus meiner Tiefe scheint sich ein anderes Thema nach oben in mein Bewusstsein zu bewegen und ich spüre, dass ich auf die Erfahrung der Anstrengung und des Weges etwas projiziert habe – mein inneres Auf-dem-Weg-sein, meine Weise, wie ich meinen Lebensweg tagtäglich gehe, auch hinsichtlich Ganzheitlichkeit und Spiritualität.

 

Offensichtlich gibt es einen Teil in mir, dem das manchmal durchaus zu anstrengend ist. Stets bemühe ich mich, einen weiten Blick auf mein Leben zu erhalten, die Situationen im Ganzen zu sehen, die innere Übersicht zu bewahren und hinter das Geschehen zu blicken – Erkenntnisse zu erhalten und meiner Seele einen reichen Erfahrungsschatz zu o erieren. Dazu meditiere ich täglich, achte auf den Tempel der Seele, meinen Körper – eine spirituelle und ganzheitliche Lebensweise ist dabei meine tägliche Ausrichtung. Stets bin ich bedacht, meiner Seele den Platz einzuräumen, um ihrer Entwicklung den größtmöglichen Erfahrungsraum zu schenken. Das Feld des Bewusstseins soll sich ausdehnen dürfen und unbewusste Mechanismen, die mich prägen, sollen mehr und mehr erkennbar sein. In alldem bin ich sehr diszipliniert und auch ausdauernd, das ganze Jahr über (wie mein Mann in seinem sportlichen Verhalten).

 

Persönlichkeitsentwicklung, Wachstum und Werden sind meine Passion. In der Stille in mein Inneres zu lauschen und all die Situationen und Begegnungen des Alltags zu re ektieren sind für mich tägliche Rituale geworden. Kaum ein Geschehen ist bedeutungslos. Stets spüre ich, höre nach, ergründe, worauf es sich noch beziehen könnte. Ich analysiere, was mir eine Situation widerspiegeln will, worin die Zeichen liegen. All das kommt nicht von selbst, es ist eine tägliche Disziplin, dich ich dabei beweise.  

 

Während ich da so sitze, erkenne ich, dass über all dem eine Schwere liegt. Die Leichtigkeit ist darin verloren gegangen. „Wäre es leichter, wenn ich ‚einfach so‘ dahinleben würde?“, frage ich mich. So leben, wie es viele Menschen tun, die sich eben nicht den Kopf zerbrechen, von Karma nichts hören wollen und denen es nur ein Lächeln kostet, wenn ich von Zeichen, Botschaften und Aufträgen meiner Spirits spreche. All diese Menschen kümmern sich gar nicht wirklich darum. Sie leben einfach ihr Leben. Und wie es scheint, leben sie auch nicht schlechter. 

 

Wäre mein Leben einfacher, wenn ich einfach „nur lebe“? Quasi den ganzheitlichen Weg aufgebe, den ich gewählt habe? Mein Ziel des bewussten Alltags loslasse?

 

„Komm, lass uns weitergehen“, die Stimme meines Mannes holt mich aus meinen inneren Welten. Die Pause hat mir gutgetan. Meine Muskeln haben sich entspannt, meine Atmung ist ruhiger, Kraft scheint wieder zur Verfügung zu stehen und ich spüre innere Freude auf das Gipfelziel. Wir brechen auf, mein Mann geht erneut voran. Im Gehen bewege ich meine Gedanken weiter.

 

Mache ich mir mein Leben selber schwer, indem ich den ganzheitlichen Weg wähle? „Ich möchte es nicht missen“, antwortet mir eine innere Stimme. Denn die Weise des Sehens und Bewegens des Lebens reicht mir viele Geschenke. Ich erkenne zumeist, warum eine Situation so oder so geschieht. Und es geht weit über „positives Denken“ hinaus, diese Lebensweise ermöglicht mir eine ganz andere Qualität, wenn sich die großen Zusammenhänge meiner persönlichen Entwicklung zeigen. Die Option „einfach nur so zu leben“, ohne all den spirituellen Ansatz, zeigt sich sogleich als keine Option.

 

Und es ist genau diese Weise, mein Erleben in meine Tiefe zu bewegen, die mich jetzt in diesem Moment der Wanderung dranbleiben lässt. Es ist meine Erfahrung, die mich erinnert – das Geschehen wäre nicht so von Emotionen begleitet gewesen, wenn nicht eine wertvolle Erkenntnis in dieses verpackt wäre. Ähnlich wie für diese Wanderung habe ich auch in meinem ganzheitlichen Zugang zum Leben stets „hoheZiele“, durchaus auch anspruchsvolle Ziele. Ich wähle sie selbst – wie das Ziel am Berg heute. Und einen gewissen Anspruch habe ich auch an mich, darin bin ich ehrlich zu mir. Dies ist eine Prägung aus meiner Lebensgeschichte, ein wenig aus den Erfahrungen meiner Kindheit, das weiß ich. Und ich bemerke, dass mich auch meine spirituelle Lebensweise manchmal erschöpft, dass mir dabei Ausdauer und Kraft ausgehen, eben weil mein Anspruch hoch ist und ich mit mir selber sehr fordernd und streng sein kann. Im Alltag verliere ich damit manchmal den Zugang zur Leichtigkeit des Lebens.

 

 

Die Erfahrung zeigt, es lohnt sich, Wege zu gehen und Anstrengung auf sich zu nehmen.

 

„Schau, wir sind gleich da“, erreichen mich die Worte meines Liebsten. Ich sehe mich um, knapp vor dem Ziel bietet sich schon ein grandioser Ausblick. Die Gipfel der umliegenden Bergwelt sind sichtbar, es zeigen sich die Täler, die ins weite Land führen. Das alltägliche Geschehen von „da unten“ ist hier oben nicht mehr greifbar. Wie immer berührt mich diese Weitsicht zutiefst und ich stelle mir vor, wie auf den anderen Berggipfeln auch Menschen stehen und die Aussicht genießen, vermutlich war der Weg für sie auch anstrengend, vermutlich waren auch sie in einigen Momenten nahe daran, aufzugeben und sich mit der halben Wegstrecke zufriedenzugeben.

 

„Warum muss ich mir den Weg bis ganz oben antun?“, könnte auch ihre Frage gewesen sein. Ob sie auch ihre Themen beim Gehen mitbewegt haben, wie ich, das weiß ich nicht. Aber mich erreicht nun ein tiefes Gefühl der Zustimmung.

 

Die Erfahrung zeigt, es lohnt sich, Wege zu gehen und Anstrengung auf sich zu nehmen. Im Außen wie im Innen. Denn es ist das eine, dass ich um meine Stärken und Schwächen weiß und es ist das andere, meine Grenzen zu erfahren. Darin habe ich mich heute geübt und meine Wahrnehmung verfeinert, auch hin zu meinem Alltag und ich fühle ein zustimmendes Ja – für beide Weisen, das Leben zu leben. 

 

 


Dieser Text erschien zunächst als Artikel im Magazin Vita

Fotocredit: Steffi Fischer Photografie

 


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Daniela Hutter

schreibt, bloggt und hält Seminare zum Thema bewusste Lebensführung. Es ist ihre Passion, alte Tradition mit zeitgemässer Spiritualität zu verbinden. Mit Menschen zu sein bereitet ihr Freude und deshalb bietet sie auch persönliche Coachings an.

 

Als Autorin schreibt Daniela Hutter für verschiedene Zeitschriften. Aktuell arbeitet sie an ihrem nächsten Buch. Bereits erschienen sind die Bücher „Lass deine Träume wahr werden“ (2013) und „Den Tag mit Engeln beginnen“ (2008), „Mach dein Leben hell“ (2015), "Das Yin-Prinzip" (August 2016) sowie das Kartenset „Energien der neuen Zeit“ (2013) und "Karten der Weiblichkeit" (2017).

 

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Impulsgeberin für moderne Frauen

Daniela Hutter weiß was Frauen beschäftigt und kennt die zahlreichen Herausforderungen und Hürden, die das Leben lehrt und der Alltag bietet. Fernab von Dogmen und klassischem Feminismus ermutigt sie in ihrer Arbeit vor allem Frauen in Kontakt mit ihrem wahren FrauSein zu kommen und mutig den eigenen Weg zu gehen. Sie weist den Weg in das Innere und erinnert zugleich daran, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen.

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